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Nr. 18 | Juli 2008

 
    Tina Lambert
Geb. 1981. Lebt in Bochum.
Mitglied im Sportverein. Inhaberin der Tchibo-Kundenkarte.
 

Geradeaus schauen
Helene nahm an Lotterien teil, aber gewann nie.
Einmal klingelte ein Mörder bei ihr, aber Helene machte nicht auf. (Sie dachte, es wäre Herr Opaschowski.)
Jemand anders öffnete, drei Straßen weiter, es stand in der Zeitung.
Zeitung las Helene selten, denn sie sah schlecht. Jemand schickte sie zum Augenarzt im Einkaufszentrum. Es gab dort zwei Augenärzte, Helene ging zum falschen. Sie wussten dort von keinem Termin, aber sie durfte bleiben, musste ihr Kinn auf ein Plastik legen und geradeaus schauen. Der Augenarzt sah mit einem Apparat in sie hinein, in ihre Augen, fast bis zu ihren Gedanken, aber er hatte kein Lesegerät für Gedanken. Sonst hätte er gewusst, dass Helene sich einmal während eines Konzerts für einen Moment in Hinterkopf, Ohr und Hals eines Bratschisten verliebt hatte, und dass Helene dachte, der Augenarzt sehe dem Bratschisten ähnlich, wenn er seinen Kopf zur Seite drehte, so wie gerade, als er nach einem Taschentuch griff, um sich einen klaren Tropfen von der Nase zu wischen. Geradeaus schauen, sagte der Augenarzt, und Helene schaute geradeaus. Sie sah Glas und Linsen.
Später stand sie in der Wartereihe beim Uhren-Reparatur-Service. Alte Männer lassen sich Glieder aus den Metallarmbändern nehmen, wenn die Unterarme dünner werden. Helene brauchte eine neue Batterie, weil ihre Uhr immer auf viertel vor drei stand. Sie ist eine schlechte Wartende. Als sie 20 Minuten gewartet hatte, fiel ihr auf, dass hinter ihr keiner stand. Sie war die Letzte. Sie hätte auch jetzt erst kommen können. Also habe ich 20 Minuten verschwendet, dachte Helene, ich hätte Speck und Linsen kaufen können und abends eine herrliche Suppe kochen. In 20 Minuten, dachte Helene, kann man einen Krieg beginnen oder wieder beenden. Ihr verging die Lust am Warten, und sie verließ die Reihe ohne eine neue Batterie. Im Untergeschoss des Einkaufszentrums gab es ein Lebensmittelgeschäft, da kaufte Helene Linsen, Speck und Suppengrün. Die Kassiererin gab ihr zu wenig Wechselgeld heraus, aber Helene bemerkte es nicht. Es war aber auch ganz gleich für das Weltgeschehen. Zu Hause kochte sie Suppe. Es gefiel ihr, zu kochen. Sie stellte das Radio an. Eine Sendung zum Thema Streit.
Der Experte sagte, die Lösung sei eine geglückte Aussprache. Aber der Studiogast und seine Frau hassten sich längst. Helene hasste niemanden. Um viertel vor drei klingelte sie bei Herrn Opaschowski. Er öffnete im Bademantel und kratzte sich am Bart. Ob sie Zeitung gelesen habe, fragte Herr Opaschowski. Nein, sagte Helene fröhlich und lud ihn zu Linsensuppe ein. In einem anderen Land stürzte ein Flugzeug ab, drei überlebten.
Einer davon konnte mit Meerschweinchen jonglieren, tat es aber nach dem Unglück nie wieder.