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Gopi K. Kottoor: Father Wake Us In Passing - Vater, wecke
uns im Vorübergehen.
Texte, die im Umfang den Rahmen der Zeitschrift sprengen,
finden sich in den Sonderheften laufschrift edition –
im neuesten dieser Hefte findet sich der Gedichtzyklus „Father,
Wake Us In Passing des englischsprachigen indischen Lyrikers
Gopi Krishnan Kottoor, eine Erinnerung an den Todeskampf seines
Vaters, deren poetische Dichte auch in der deutsch[en…]
Übersetzung noch spürbar ist. Der Kontrast [zwischen]
realistischer Darstellung des Geschehens auf der Intensivstation
mit den quälenden Einzelheiten des Wundliegens, des langsamen
Sterbens [einerseits] und schwebenden Naturbildern zwischen
Schmerz und Poesie [andererseits] macht die Intensität
dieser ungewöhnlichen Gedichte aus.
Im Frühjahr [2005] wird Gopi Krishnan Kottoor in Deutschland
eine auch vom LAUFSCHRIFT-Magazin mit gestaltete Lesereise
unternehmen.
Fürther Nachrichten, Dienstag, 15. Februar 2005
Zur Wortwerk-Anthologie 2
Gemeinsame Arbeit am Text muss keineswegs einen einheitlichen
Schreibstil hervorbringen. Beleg dafür ist die 54-seitige
„Anthologie 2“ der Erlanger Autorengruppe „Wortwerk“,
die soeben als „laufschrift-edition“ im Verlag
Martin Langanke, Fürth, erschienen ist.
Vielmehr sind in den Gedichten und kurzen Prosastücken
der zwölf jungen Autorinnen und Autoren die unterschiedlichsten
Sicht- und Ausdrucksweisen versammelt bis hin zu Anklängen
an die Pop-Literatur. Jan Philipp Heilgenthal, der selbst
drei Kurzgeschichten – die eine skurril, die anderen
beiden genau in der Wiedergabe des Scheiterns – zu dem
Büchlein beigetragen hat, beschreibt als Redaktionsmitglied
der „laufschrift“ die Notwendigkeit des Kompromisses
bei der Herausgabe, der aber die unterschiedlichen Auffassungen
zu Auswahl und Gestaltung kreativ überwunden hat.
Da gibt es beispielsweise „Wasser und Qualm“ von
Andreas Neuner. Darin erzählt er die Geschichte eines
missglückten Wiedersehens mit einer Verflossenen, indem
er kunstvoll [die Welt ...] des äußeren Geschehens
mit seiner inneren Welt des Erinnerns verschränkt.
Oder Katharina Wiechert beschreibt in „Aufzug“
präzise, wie die Angst sich in Annas Sinne und Körper
schleicht, als der Fahrstuhl steckenbleibt. Und Michael Cyran
schildert in seiner „Angelgeschichte“ in scheinbarer
Distanziertheit so sorgfältig, wie der selten anwesende
Vater seinen Jungen zum Angeln abholt, dass das abrupte traurige
Ende des Ausflugs, der zur Machtprobe der getrennt lebenden
Eltern herhalten muss, um so mehr berührt.
Da gibt es die engagierte lyrische Verarbeitung gegenwärtig
drohender und vergangener Kriege. Da gibt es aber auch die
effektvolle Idee von Dirk Baumeister, den Computer als „Textgestalter“
auszustellen, wenn er ihn den Suchbegriff „krieg“
nicht finden lässt oder bei der Übertragung in Word-Dateien
der E-Mails über seine dienstäglichen Fernsehabende
u. a. die Leerzeichen für die Umlaute wie Ausrufezeichen
setzen lässt. Wer allerdings kaum Umgang mit Computern
pflegt, dem werden sich die Gedichte nicht recht erschließen.
Erlanger Nachrichten, Samstag/Sonntag,
31. August/
1. September 2002
Zur Wortwerk-Anthologie 1
Im Anfang stand das Probieren in Einsamkeit, bald der Wunsch
sich auszutauschen, schließlich die Absicht, literarische
Keimlinge in die fränkische Steppe zu setzen. Jahrgang
1968 bis 1980 sind die Mitglieder der Gruppe Wortwerk in Erlangen,
der derzeit einzigen jungen, seit Frühjahr 2000 existierenden
Schreibwerkstatt im Großraum Nürnberg. Nun treten
Yvonne Pietsch, Dirk Baumeister, Michael Cyran, Frank Ruf,
Andreas Neuner, Katharina Wiechert, Tobias Krupp, Manfred
Schloyer, Henning Fritsches, Jan Philipp Heilgenthal und Christian
Schloyer mit ihrer Wortwerk Anthologie an die Öffentlichkeit.
Das Bändchen bietet einige Kostproben der literarischen
Offenheit dieser Gruppe. Der Leser findet [...] Kurzerzählungen
ebenso wie ausgetüftelte Sonette, experimentelle Lyrik
nach der Rechtschreibreform 2005 ebenso wie exotische Unterwasserprosa,
die klassizistische Parabel ebenso wie die zeitlose Pissstrahlpoesie.
Plärrer, 25. Jg., 11/2001
Zu: Balduin Winter: Jugend
eines Haies.
Die in Fürth erscheinende Schriften-Reihe der "Laufschrift
Edition" vereint kleine literarische Kostbarkeiten von
höchstem Rang. Veröffentlicht wurden in den vergangenen
Jahren zum Beispiel Gedichte von Tom Schulz und Jörg
Niebelschütz, aber auch 30 originelle Neu-Übersetzugen
der Sonette William Shakespeares. Ebenso lesenswert ist das
neueste Heft der Serie. In ihm erzählt der in Franken
lebende Österreicher Balduin Winter von seinen Erlebnissen
in jenem schmalen "Niemandsland", das zwischen dem
Traumreich der Jugend und der nüchtern sachlichen Welt
der Erwachsenen liegt.
Freilich, das alles "gibt's schon im Film. Alles wiederholt
sich, es gibt nichts Neues mehr zu sagen", wie eine der
Handelnden in der vorliegenden Geschichte richtig bemerkt.
Dennoch ist es erfreulich, dass sich Balduin Winter erneut
auf eine Schilderung der hinreichend erforschten pubertären
Irrungen und Wirrungen eingelassen hat. Sein starker Text
ist in erster Linie das Resultat eines schnörkellos eleganten
Sprachstils, der noch dem intimsten Bekenntnis alles Peinliche
nimmt, ohne dabei auf atmosphärische Dichte verzichten
zu müssen. Ein weiters Plus wird erzielt durch eine stimmige
Beschreibung des historisch bedeutsamen Ambientes. Die "Mann-Werdung"
von Balduin Winters Hauptfigur geschieht in den frühen
sechziger Jahren, irgendwo an der Grenze zwischen Österreich
und Jugoslawien sowie in dem an der slowenischen Adriaküste
gelegenen Seebad Piran. Der Junge aus dem Westen und das Mädchen
aus dem Osten, die sich dort treffen, sind - ohne es zu wissen
- gezeichnet von den Sünden der Väter. Obwohl sie
kaum etwas ahnen von den Spannungen zwischen "ihren"
Völkern, Kulturen, Gesellschaftssystemen, fühlen
sie allemal, dass ihr[er] beider Fremdsein in dieser Welt
kaum durch ein paar Küsse zu heilen sein wird.
Nürnberger Nachrichten, Freitag,
28. April 2000
Balduin Winter, nach eigenem Bekennen ein „Mitteleuropäer“,
Essayist, Kulturpublizist (auch für den plärrer)
und vor allem anderen ein Reiseschriftsteller mit Schwerpunkt
Osteuropa, ist aufgewachsen in Graz und zur eigenen Welt gekommen
in Fürth. Hier nämlich entstand seine Erzählung
„Jugend eines Haies“, die literarische Erinnerungsreise
in die realen und fiktiven Grenzzonen zwischen Kindheit und
Pubertät, zwischen Österreich und Slowenien. Strandszenen
als Sommerfrischler mit den Eltern drüben in Piran, eine
erste naive Liebe: Ljubica heißt sie: „Kennst
du keine Kribbelgefühle? Haie haben eine sehr sensible
Haut!“. Hüben das Frühlingserwachen im Strandbad
mit Anna. Und dann die erotischen Schattenspiele der Erwachsenen,
der Vater mit einer anderen Frau in den Dünen, ein Schock
– kleine Fluchten in die Literatur, „Der Fänger
im Roggen“ als rettendes Ufer. Winter erzählt das
alles in einem verhaltenen, fast schwebenden Ton, verliert
sich niemals in geschwätzigen Details, sondern hält
die Sprachzügel ganz straff. Und so gelingen ihm suggestive,
überzeugende Momente und Szenen, die seine Erzählung
davor bewahren, im Gestrüpp adoleszenter Erinnerungen
sich zu verlaufen.
Plärrer, Nr. 8/2000
Zu: William Shakespeare: 30 Sonette.
Neu übersetzt von Martin Langanke.
Martin Langanke (* 1972) ist der schiere Antipode zu ,l..barnes‘.
[…] Er übersetzte einige Shakespeare-Sonette schon
vor fünf Jahren – 30 Gedichte von bescheidener,
präziser Einfühlung sowohl in Shakespeare als auch
in die eigne Muttersprache. Langankes Shakespeare-Sonette
(er hat auch Milton und Shelley übersetzt, daneben die
Schluss-Szene des King Lear) haben nicht die kleinste Besonderheit,
die sie mit dem geschilderten bunten Treiben um diese Texte
vergleichbar werden ließen, sondern sind nichts als
intensive, stilsichere Umwandlung genausten Lesens in deutschen
Text. Beim jüngsten der hier betrachteten Übersetzer
entdecken wir also eine seltsam anachronistische Attitüde
vollkommen uneitlen Dienstes am Werk. Die Übersetzungen
entstehen „aus purem Zufall“, er habe sie, sagt
der Autor, nur „wegen ihrer Formbehandlung“ angefertigt.
Das ist die Rückkehr zum reinen Handwerk. Das Trennungssonett
97 liefert ein unprätentiöses Bekenntnis zu einer
Art des Übersetzens, die wieder zum ,Dienen‘ gerät.
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Dir fern, fiel klamme Wintereinsamkeit
Mich an, du reiz der flüchtigen Natur.
Wie fühlte ich den Frost, die Dunkelheit,
wie kahl war die dezemberalte Flur.
Es war de Sommer, der die Trennung brachte.
Jetzt beugt sich unter seiner Last schon tief
der Herbst, trägt aus, was ihm das Jahr vermachte,
wie eine Schwangre, deren Mann entschlief.
Der Überfluss des Herbstes gleicht für mich
der Hoffnung einer Waise, die erblüht.
Es warten Sommerfreuden hier auf dich,
doch bist du fort, erstirbt der Vögel Lied.
Und wenn sie singen, klingt ihr Lied so matt,
dass winterbleich erschauert jedes Blatt.
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[Am Ende des Berichtes steht die unerwartete Erkenntnis],
dass der jüngste der hier genannten Autoren sich der
von Draesner und ,l..barnes‘
vorgegebenen Entwicklung keineswegs anschließt.
Shakespeare Jahrbuch 139 (2003).
Herausgegeben von der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft,
186-187.
Jede auch noch so gelungene Übersetzung ist ein Beitrag
zum ewigen Thema "Original und Fälschung".
Der Fürther Lyriker Martin Langanke hat dreißig
der insgesamt 154 Shakespeare-Sonette für die "Laufschrift
Edition" neu übersetzt. Das ist in Zeiten, wo die
Video-Clip-Ästhetik auch in der Lyrik Einzug hält,
ein Wagnis, das Unterstützung verdient.
Langanke ist behutsam zu Werke gegangen. Er hat dem Original
nicht seine eigene poetische Sprache aufgezwungen, sondern
versucht, ihm zu dienen, ohne dabei in philologische Korrektheit
zu verfallen, die der Tod der Lyrik ist.
Shakespeares Sonette sind das Stonehenge der englischen Lyrik.
Es werden immer wieder aberwitzige Theorien aufgestellt, wer
der Adressat dieser Verse sein könnte: Die "Dark
Lady" oder gar des Dichters Gönner, der Earl of
Southhampton. Aber wahrscheinlich liegen diese Deutungen alle
falsch. Die "Sonnets" sind an keine bestimmte Person
gerichtet, sondern an eine Idee, die Idee der Schönheit,
die, in Kunst verwandelt, dem Tod trotzt: "Du bist dem
Tod, dem Prahler, ja entrissen / durch dies Gedicht, das Zeiten
übersteht. // Wo Menschen Atem haben, Augenlicht, / da
lebt, worin du fortlebst, dies Gedicht."
Sehr schön an dieser kleinen Edition, daß die Sonette
auch im Original abgedruckt sind. Wie abstrakt doch das Deutsche
ist, wie konkret dagegen - auch wenn es um eine Idee kreist
- das Englisch Shakespeares. Zwei Sprachen, zwei Sichtweisen.
Nürnberger Nachrichten, Freitag,
5. Februar 1999
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