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Zu den Editionen

Zur LAUFSCHRIFT 14
Dossier Sorbische Literatur

Zur LAUFSCHRIFT 13
Dossier Junge
deutschsprachige Lyrik

Zur LAUFSCHRIFT 12
Dossier Junge
Venezolanische Poesie

Zur LAUFSCHRIFT 11

Dossier Ilse Garnier

Zur LAUFSCHRIFT 9
Dossier Juan Gelman

Zur LAUFSCHRIFT 8
Albanische Literatur

Zur LAUFSCHRIFT 7
Exit

Zur LAUFSCHRIFT 6
Osteuropa -
der nahe ferne Rand

Zur LAUFSCHRIFT 4
Stadt

Zur LAUFSCHRIFT 3
Migration

Zur LAUFSCHRIFT 1
50 Jahre Kriegsende

 

 
Zu den Editionen
 

Zu: Gopi K. Kottoor: Father Wake Us In Passing - Vater, wecke uns im Vorübergehen.

Texte, die im Umfang den Rahmen der Zeitschrift sprengen, finden sich in den Sonderheften laufschrift edition – im neuesten dieser Hefte findet sich der Gedichtzyklus „Father, Wake Us In Passing des englischsprachigen indischen Lyrikers Gopi Krishnan Kottoor, eine Erinnerung an den Todeskampf seines Vaters, deren poetische Dichte auch in der deutsch[en…] Übersetzung noch spürbar ist. Der Kontrast [zwischen] realistischer Darstellung des Geschehens auf der Intensivstation mit den quälenden Einzelheiten des Wundliegens, des langsamen Sterbens [einerseits] und schwebenden Naturbildern zwischen Schmerz und Poesie [andererseits] macht die Intensität dieser ungewöhnlichen Gedichte aus.
Im Frühjahr [2005] wird Gopi Krishnan Kottoor in Deutschland eine auch vom LAUFSCHRIFT-Magazin mit gestaltete Lesereise unternehmen.
Fürther Nachrichten, Dienstag, 15. Februar 2005


Zur Wortwerk-Anthologie 2

Gemeinsame Arbeit am Text muss keineswegs einen einheitlichen Schreibstil hervorbringen. Beleg dafür ist die 54-seitige „Anthologie 2“ der Erlanger Autorengruppe „Wortwerk“, die soeben als „laufschrift-edition“ im Verlag Martin Langanke, Fürth, erschienen ist.
Vielmehr sind in den Gedichten und kurzen Prosastücken der zwölf jungen Autorinnen und Autoren die unterschiedlichsten Sicht- und Ausdrucksweisen versammelt bis hin zu Anklängen an die Pop-Literatur. Jan Philipp Heilgenthal, der selbst drei Kurzgeschichten – die eine skurril, die anderen beiden genau in der Wiedergabe des Scheiterns – zu dem Büchlein beigetragen hat, beschreibt als Redaktionsmitglied der „laufschrift“ die Notwendigkeit des Kompromisses bei der Herausgabe, der aber die unterschiedlichen Auffassungen zu Auswahl und Gestaltung kreativ überwunden hat.
Da gibt es beispielsweise „Wasser und Qualm“ von Andreas Neuner. Darin erzählt er die Geschichte eines missglückten Wiedersehens mit einer Verflossenen, indem er kunstvoll [die Welt ...] des äußeren Geschehens mit seiner inneren Welt des Erinnerns verschränkt.
Oder Katharina Wiechert beschreibt in „Aufzug“ präzise, wie die Angst sich in Annas Sinne und Körper schleicht, als der Fahrstuhl steckenbleibt. Und Michael Cyran schildert in seiner „Angelgeschichte“ in scheinbarer Distanziertheit so sorgfältig, wie der selten anwesende Vater seinen Jungen zum Angeln abholt, dass das abrupte traurige Ende des Ausflugs, der zur Machtprobe der getrennt lebenden Eltern herhalten muss, um so mehr berührt.
Da gibt es die engagierte lyrische Verarbeitung gegenwärtig drohender und vergangener Kriege. Da gibt es aber auch die effektvolle Idee von Dirk Baumeister, den Computer als „Textgestalter“ auszustellen, wenn er ihn den Suchbegriff „krieg“ nicht finden lässt oder bei der Übertragung in Word-Dateien der E-Mails über seine dienstäglichen Fernsehabende u. a. die Leerzeichen für die Umlaute wie Ausrufezeichen setzen lässt. Wer allerdings kaum Umgang mit Computern pflegt, dem werden sich die Gedichte nicht recht erschließen.
Erlanger Nachrichten, Samstag/Sonntag, 31. August/
1. September 2002



Zur Wortwerk-Anthologie 1

Im Anfang stand das Probieren in Einsamkeit, bald der Wunsch sich auszutauschen, schließlich die Absicht, literarische Keimlinge in die fränkische Steppe zu setzen. Jahrgang 1968 bis 1980 sind die Mitglieder der Gruppe Wortwerk in Erlangen, der derzeit einzigen jungen, seit Frühjahr 2000 existierenden Schreibwerkstatt im Großraum Nürnberg. Nun treten Yvonne Pietsch, Dirk Baumeister, Michael Cyran, Frank Ruf, Andreas Neuner, Katharina Wiechert, Tobias Krupp, Manfred Schloyer, Henning Fritsches, Jan Philipp Heilgenthal und Christian Schloyer mit ihrer Wortwerk Anthologie an die Öffentlichkeit. Das Bändchen bietet einige Kostproben der literarischen Offenheit dieser Gruppe. Der Leser findet [...] Kurzerzählungen ebenso wie ausgetüftelte Sonette, experimentelle Lyrik nach der Rechtschreibreform 2005 ebenso wie exotische Unterwasserprosa, die klassizistische Parabel ebenso wie die zeitlose Pissstrahlpoesie.
Plärrer, 25. Jg., 11/2001


Zu: Balduin Winter: Jugend eines Haies.

Die in Fürth erscheinende Schriften-Reihe der "Laufschrift Edition" vereint kleine literarische Kostbarkeiten von höchstem Rang. Veröffentlicht wurden in den vergangenen Jahren zum Beispiel Gedichte von Tom Schulz und Jörg Niebelschütz, aber auch 30 originelle Neu-Übersetzugen der Sonette William Shakespeares. Ebenso lesenswert ist das neueste Heft der Serie. In ihm erzählt der in Franken lebende Österreicher Balduin Winter von seinen Erlebnissen in jenem schmalen "Niemandsland", das zwischen dem Traumreich der Jugend und der nüchtern sachlichen Welt der Erwachsenen liegt.
Freilich, das alles "gibt's schon im Film. Alles wiederholt sich, es gibt nichts Neues mehr zu sagen", wie eine der Handelnden in der vorliegenden Geschichte richtig bemerkt. Dennoch ist es erfreulich, dass sich Balduin Winter erneut auf eine Schilderung der hinreichend erforschten pubertären Irrungen und Wirrungen eingelassen hat. Sein starker Text ist in erster Linie das Resultat eines schnörkellos eleganten Sprachstils, der noch dem intimsten Bekenntnis alles Peinliche nimmt, ohne dabei auf atmosphärische Dichte verzichten zu müssen. Ein weiters Plus wird erzielt durch eine stimmige Beschreibung des historisch bedeutsamen Ambientes. Die "Mann-Werdung" von Balduin Winters Hauptfigur geschieht in den frühen sechziger Jahren, irgendwo an der Grenze zwischen Österreich und Jugoslawien sowie in dem an der slowenischen Adriaküste gelegenen Seebad Piran. Der Junge aus dem Westen und das Mädchen aus dem Osten, die sich dort treffen, sind - ohne es zu wissen - gezeichnet von den Sünden der Väter. Obwohl sie kaum etwas ahnen von den Spannungen zwischen "ihren" Völkern, Kulturen, Gesellschaftssystemen, fühlen sie allemal, dass ihr[er] beider Fremdsein in dieser Welt kaum durch ein paar Küsse zu heilen sein wird.
Nürnberger Nachrichten, Freitag, 28. April 2000

Balduin Winter, nach eigenem Bekennen ein „Mitteleuropäer“, Essayist, Kulturpublizist (auch für den plärrer) und vor allem anderen ein Reiseschriftsteller mit Schwerpunkt Osteuropa, ist aufgewachsen in Graz und zur eigenen Welt gekommen in Fürth. Hier nämlich entstand seine Erzählung „Jugend eines Haies“, die literarische Erinnerungsreise in die realen und fiktiven Grenzzonen zwischen Kindheit und Pubertät, zwischen Österreich und Slowenien. Strandszenen als Sommerfrischler mit den Eltern drüben in Piran, eine erste naive Liebe: Ljubica heißt sie: „Kennst du keine Kribbelgefühle? Haie haben eine sehr sensible Haut!“. Hüben das Frühlingserwachen im Strandbad mit Anna. Und dann die erotischen Schattenspiele der Erwachsenen, der Vater mit einer anderen Frau in den Dünen, ein Schock – kleine Fluchten in die Literatur, „Der Fänger im Roggen“ als rettendes Ufer. Winter erzählt das alles in einem verhaltenen, fast schwebenden Ton, verliert sich niemals in geschwätzigen Details, sondern hält die Sprachzügel ganz straff. Und so gelingen ihm suggestive, überzeugende Momente und Szenen, die seine Erzählung davor bewahren, im Gestrüpp adoleszenter Erinnerungen sich zu verlaufen.
Plärrer, Nr. 8/2000


Zu: William Shakespeare: 30 Sonette. Neu übersetzt von Martin Langanke.

Martin Langanke (* 1972) ist der schiere Antipode zu ,l..barnes‘. […] Er übersetzte einige Shakespeare-Sonette schon vor fünf Jahren – 30 Gedichte von bescheidener, präziser Einfühlung sowohl in Shakespeare als auch in die eigne Muttersprache. Langankes Shakespeare-Sonette (er hat auch Milton und Shelley übersetzt, daneben die Schluss-Szene des King Lear) haben nicht die kleinste Besonderheit, die sie mit dem geschilderten bunten Treiben um diese Texte vergleichbar werden ließen, sondern sind nichts als intensive, stilsichere Umwandlung genausten Lesens in deutschen Text. Beim jüngsten der hier betrachteten Übersetzer entdecken wir also eine seltsam anachronistische Attitüde vollkommen uneitlen Dienstes am Werk. Die Übersetzungen entstehen „aus purem Zufall“, er habe sie, sagt der Autor, nur „wegen ihrer Formbehandlung“ angefertigt. Das ist die Rückkehr zum reinen Handwerk. Das Trennungssonett 97 liefert ein unprätentiöses Bekenntnis zu einer Art des Übersetzens, die wieder zum ,Dienen‘ gerät.

  Dir fern, fiel klamme Wintereinsamkeit
Mich an, du reiz der flüchtigen Natur.
Wie fühlte ich den Frost, die Dunkelheit,
wie kahl war die dezemberalte Flur.
Es war de Sommer, der die Trennung brachte.
Jetzt beugt sich unter seiner Last schon tief
der Herbst, trägt aus, was ihm das Jahr vermachte,
wie eine Schwangre, deren Mann entschlief.
Der Überfluss des Herbstes gleicht für mich
der Hoffnung einer Waise, die erblüht.
Es warten Sommerfreuden hier auf dich,
doch bist du fort, erstirbt der Vögel Lied.
Und wenn sie singen, klingt ihr Lied so matt,
dass winterbleich erschauert jedes Blatt.

[Am Ende des Berichtes steht die unerwartete Erkenntnis], dass der jüngste der hier genannten Autoren sich der von Draesner und ,l..barnes‘ vorgegebenen Entwicklung keineswegs anschließt.
Shakespeare Jahrbuch 139 (2003). Herausgegeben von der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, 186-187.

Jede auch noch so gelungene Übersetzung ist ein Beitrag zum ewigen Thema "Original und Fälschung". Der Fürther Lyriker Martin Langanke hat dreißig der insgesamt 154 Shakespeare-Sonette für die "Laufschrift Edition" neu übersetzt. Das ist in Zeiten, wo die Video-Clip-Ästhetik auch in der Lyrik Einzug hält, ein Wagnis, das Unterstützung verdient.
Langanke ist behutsam zu Werke gegangen. Er hat dem Original nicht seine eigene poetische Sprache aufgezwungen, sondern versucht, ihm zu dienen, ohne dabei in philologische Korrektheit zu verfallen, die der Tod der Lyrik ist.
Shakespeares Sonette sind das Stonehenge der englischen Lyrik. Es werden immer wieder aberwitzige Theorien aufgestellt, wer der Adressat dieser Verse sein könnte: Die "Dark Lady" oder gar des Dichters Gönner, der Earl of Southhampton. Aber wahrscheinlich liegen diese Deutungen alle falsch. Die "Sonnets" sind an keine bestimmte Person gerichtet, sondern an eine Idee, die Idee der Schönheit, die, in Kunst verwandelt, dem Tod trotzt: "Du bist dem Tod, dem Prahler, ja entrissen / durch dies Gedicht, das Zeiten übersteht. // Wo Menschen Atem haben, Augenlicht, / da lebt, worin du fortlebst, dies Gedicht."
Sehr schön an dieser kleinen Edition, daß die Sonette auch im Original abgedruckt sind. Wie abstrakt doch das Deutsche ist, wie konkret dagegen - auch wenn es um eine Idee kreist - das Englisch Shakespeares. Zwei Sprachen, zwei Sichtweisen.
Nürnberger Nachrichten, Freitag, 5. Februar 1999