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Krieg und Vertreibung machen die Menschen heimatlos, verwandeln nicht nur ihre Habe, sondern sie selbst, ihre Erinnerung und ihre Vergangenheit in Treibgut, das in Flüchtlingsströmen verteilt wird, verloren geht oder dem ursprünglichen Zusammenhang entrissen wieder auftaucht. Das Fernsehen, heute der mächtigste Produzent kollektiver Erinnerungen, hat uns mit Bildern versorgt von überfüllten Schiffen, auf denen albanische Flüchtlinge gen Italien treiben; es brannte uns [...] die verzweifelten Gesichter der von den Serben vertriebenen Kosovo-Albaner ein: Flüchtlingslager, zerstörte Dörfer [...] - in diesem gigantischen Exodus [...] werden auch Bruchstücke der albanischen Kultur über die Grenzen zu uns gespült.
Das Disparate solcher Fundstücke betont die neueste Ausgabe der Fürther Literaturzeitschrift "Laufschrift": "Verstreut über so viel Hügel" heißt ihr Themenheft zur albanischen Literatur. Und wahrlich: Dieses Signum traf schon vor dem Kosovo-Krieg zu, denn das zusammenhängende Sprachgebiet des Albanischen wird von zahlreichen nationalen Grenzen durchzogen [...].
Auch die albanischen Autoren dieser "Laufschrift" leben ent-sprechend weit verstreut; die Kontakte kamen durch den Übersetzer Hans-Joachim Lanksch zu Stande, der die Texte ins Deutsche übertragen hat. Einigende Elemente in der albanischen Literatur lassen sich ebenfalls rasch feststellen: Es ist dies vor allem das Bewusstsein um die Gefährdung der eigenen Kultur, das Auflehnen gegen die Unterdrückung der Muttersprache. In den Gedichten der Schriftsteller dieser "Laufschrift"-Ausgabe findet sich deshalb oft die Beschwörung einer mythischen oder historisch überlieferten kulturellen Blütezeit - solche Texte sind hervorragende Beispiele dafür, wie durch Sprache ein nationale Identität erst konstruiert und dann gefestigt wird.
Gemeinsam ist vielen Gedichten auch die Klage: In kargen, knappen, fast immer auf Naturphänomene zurückgreifenden Metaphern werden die Verluste durch Gewalt und Unterdrückung beschworen. Das Fazit fällt nicht nur bei einem Autor wie Fatos Arapi äußerst pessimistisch aus: "Die Geschichte erstarrt. / Sie marschiert und kommt nicht vom Fleck." Heißt es dort. Wie ein Archivar einer vergangenen Welt fühlt sich dagegen Din Mehmeti, der große alte Mann der Lyrik des Kosovo: "Ich sitze und sammle Wortfetzen / die in fremden Feuern verbrannten. / Wie ein ausgehobenes Grab zeigt sich mir / das Gestern von hinten."
Zeit für Reflektion bleibt wenig im Krieg [...]: Der Rhythmus der Flucht bestimmt den Rhythmus der Sprache: "Wenn der Morgen graut / schließt du das Land der Väter in die Truhe / und machst dich auf nach Europa / überzeugt dass nichts schwerer wiegt", hat Ali Podrimja hellsichtig gedichtet, denn er selbst mußte das Kosovo Hals über Kopf verlassen. [...] Auch durch die Lyrik von Autoren, die schon seit Jahren im Exil leben, ziehen sich solche Motive, die Erinnerung an die Heimat bewahrt sich in der Poesie. [...] Manche der Gedichte könnten, stünden sie unkommentiert im Heft, mit ihrer archaisch-pathetischen Metaphorik Anklänge an eine "Blut-und Boden"-Ideologie wecken. Doch da haben die vier Redakteure der "Laufschrift" vorgesorgt, schon im Vorwort wehren sie sich gegen eine ideologische Vereinnahmung der Gedichte, plädieren vielmehr für den Dialog zwischen den Kulturen.
Noch wichtiger erscheinen hier die drei Essays, die kulturelle und historische Fakten zur Situation der Albaner liefern und so den fragmentarischen Gedichten die nötige Klammer geben. Der Münchner Geschichtsprofessor Peter Bartl etwa schildert die wechselvolle Geschichte von Albanern und Serben, "Laufschrift"-Redakteur Balduin Winter erklärt den Nationalismus und das völkische Denken im Balkan anhand der unterschiedlichen Entwicklung von West- und Osteuropa, Ardian Klosi schließlich erläutert, wie zerstritten die Albaner untereinander sind und welche Gründe es dafür gibt.
So ist den Machern von "Laufschrift" weit mehr gelungen als nur ein paar angespülte Literatur-Bruchstücke zu versammeln. Das ambitionierte Heft gibt vielmehr einen umfassenden Einblick in die Geschichte und Sprachkultur der Albaner und es bringt Albanien und das Kosovo als "eine der poetischsten Landschaften Europas", so der Übersetzer Hans-Joachim Lanksch, in Erinnerung. Das schafft ein notwendiges Gegengewicht zu den machtvollen Bildern des Fernsehens.
Nürnberger Zeitung Nr. 211, Samstag, 11. September 1999